Das dritte Geschlecht – Wunsch und Wirklichkeit

Das dritte Geschlecht – Wunsch und Wirklichkeit

Mal wieder hat eine Veranstaltung in Berlin Dimensionen gesprengt: Mehr als eine Million Menschen feierten gemeinsam die Parade zum Christopher Street Day quer durch die City-West. Längst ist das Spektakel um sexuelle Identität und Akzeptanz im Gros der Bevölkerung eine feste Größe. Dabei geht es auch nicht mehr nur um die bloße Anerkennung der Homosexualität. Respekt und Toleranz im Rahmen von Normalität sind der Anlass dieser Veranstaltung, die sich nun schon zum 41. Mal jährte.

Das dritte Geschlecht ist es also, um das noch immer im Großen und Ganzen gerungen wird, sonst bräuchte es derlei Demonstrationen nicht mehr.

Zwar gibt es in unseren Breiten längst keine Ausartungen und staatliche Willkür mehr, wie sie vor 50 Jahren in der New Yorker Christopher Street geschahen. Dort, in Greenwich Village, gerieten am 27. Juni 1969 in der Bar Stonewall Inn Polizei und Homosexuelle einmal mehr aneinander und es kam in der Folge zu tagelangen Straßenschlachten. Dieses Ereignis gilt seither als Symbol im Ringen um Akzeptanz und Gleichberechtigung. Doch die Diskriminierung der vermeintlichen Andersartigkeit nimmt in Deutschland wieder zu. Dabei finden bekanntlich immer nur die Fälle Berücksichtigung in den Statistiken, die auch zur Anzeige gebracht werden. Der tägliche Diskriminierungswahnsinn im Alltag wird immer noch übersehen. Dazu gehören auch abfällige Bemerkungen, ob nun beim Fasching oder anderswo.

Der Weg zur Normalität bleibt weit, auch für das dritte Geschlecht.

Dabei erlangte das dritte Geschlecht bereits 2017 rechtliche Relevanz mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, als ein Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes für Furore sorgte (BVerfG vom 10.10.2017, Az. 1 BvR 2019/16). Danach ist der Gleichheitssatz des Grundgesetzes im Zusammenhang mit dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht zu verstehen. Menschen, die sich selbst weder als weiblich noch als männlich identifizieren, müssen im Personenstandsrecht eine dritte Möglichkeit bekommen.

Zur Begründung verwiesen die Karlsruher Richter auf die herausragende Bedeutung der geschlechtlichen Zuordnung für die individuelle Identität. Diese nimmt typischerweise eine Schlüsselposition sowohl im Selbstverständnis einer Person als auch dabei ein, wie die jeweilige Person von anderen wahrgenommen wird. 

Die bis dato gängige Handhabung war nach Ansicht der Richter diskriminierend. Im Personenstandsrecht ließen sich nur Männer und Frauen einem Geschlecht zuordnen. Varianten geschlechtlicher Entwicklung konnten lediglich durch Weglassen der Geschlechtsbezeichnung rechtlich eingeordnet werden. Dabei steht das Grundgesetz einer Anerkennung weiterer geschlechtlicher Identität grundsätzlich nicht entgegen – schon immer. Das betonte das oberste deutsche Gericht ausdrücklich.

Der Gesetzgeber hat kurz vor Ablauf der vom Gericht gesetzten Frist auf diese Forderung reagiert und das dritte Geschlecht damit offiziell legitimiert.

Doch damit ist es bei weitem nicht getan. Auch und vor allem in der Arbeitswelt wird die Relevanz, die das dritte Geschlecht letzten Endes besitzen wird, weitestgehend unterschätzt. Denn allein mit einer diskriminierungsfreien Formulierung von künftigen Stellenanzeigen wird es nicht sein Bewenden haben können. In vielen Bereichen der Arbeitswelt sind Gesetze und Verordnungen bis heute lediglich auf die Existenz von zwei Geschlechtern ausgerichtet. Die Praxis ist es vielerorts sowieso.

So verlangt das Betriebsverfassungsgesetz bei Betriebsratswahlen eine Parität zwischen Männern und Frauen. Soweit das dritte Geschlecht nun zwingend Einzug in alle Bereiche halten soll, muss dem kurzfristig auch hier Rechnung getragen werden.

Auch die Arbeitsstättenverordnung verlangt bisher lediglich getrennte Toiletten und Umkleideräume für Männer und Frauen. Bei weiterer Ignoranz der Thematik und Trägheit bei der Umsetzung, könnte derlei in Zukunft schwierig werden. Hier schlummert erhebliches Streitpotenzial, was zu durchaus Erfolg versprechenden Klageverfahren gereichen kann. Ähnliche Fragen wirft die Thematik der Arbeitskleidung auf, die in vielen Unternehmen verpflichtend getragen werden muss.

Selbst bei den Stellenanzeigen hat bis heute das dritte Geschlecht eine nur untergeordnete Bedeutung. Viele Anbieter setzen weiterhin auf thematische Ausblendung oder haben sich schlicht noch nicht damit befasst. Dabei ist es mit der vorgeschlagenen Formulierung „divers“ auch allein nicht getan. Wie beispielsweise redet man all die Bewerber an, bei Einladung oder Absage? Auch das ist eine noch vollständig vage Angelegenheit.

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Bildquelle: ute.kaste- www.tempbus.de