Der Azubi-Mindestlohn wird konkret

Der Azubi-Mindestlohn wird konkret

Die Zahl der Ausbildungsabbrecher ist seit Jahren extrem hoch.

Gleichzeitig fehlen in vielen pflegenden und sozialen Berufen die interessierten Nachwuchskräfte. Diese Probleme und Fehlentwicklungen will die Bundesregierung in der laufenden Legislaturperiode beheben. Vor allem ein Schlagwort bestimmt hierbei die Diskussion: der Azubi-Mindestlohn.

Auf Seite 30 des Koalitionsvertrages steht geschrieben: „Im Rahmen der Novelle des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) werden wir eine Mindestausbildungsvergütung im Berufsbildungsgesetz verankern. Das Gesetz soll bis zum 1. August 2019 beschlossen werden und zum 1. Januar 2020 in Kraft treten.“ Der Azubi-Mindestlohn soll es demnach richten. Nun gibt es sogar erste Zahlen hierzu. Angeblich hätten Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände dem Bundesbildungsministerin konkrete Vorschläge unterbreitet. Danach soll der Azubi-Mindestlohn künftig 515 Euro für das erste Lehrjahr, 615 Euro für das zweite Lehrjahr und 715 Euro für das dritte Lehrjahr betragen.

Doch aus den Reihen der Wirtschaft wird bezweifelt, dass allein Geld zur hohen Abbrecher-Quote beiträgt. Der Hotel- und Gaststättenverband beispielsweise klagt seit Jahren über die hohe Fluktuation seiner Azubis. Allein am Geld kann das aber nicht liegen. Die tarifliche Vergütung der Azubis beginnt dort bei 700 Euro im Monat.

Die Betriebe kritisieren vielmehr die schlechte Vorbereitung der startenden Azubis.

Die Vorstellungen vom ausgewählten Beruf gehen oft dramatisch weit an der Wirklichkeit vorbei. Das wird vielen schnell klar und bringt Enttäuschung und Frust mit sich. Davon bleiben die Ausbilder nicht verschont. Das Dilemma nimmt seinen Lauf.

Berufsvorbereitung und Berufsbildung in der Schule, intensiv und mit Praxisbezug, das könnte durchaus ein praktikabler Schritt sein. Diskutiert wird hier viel. Geändert hat sich bisher nur wenig. Oft scheitern derlei Ideen einfach am Personal und an einer verpflichtenden Berufsorientierung ab Klassenstufe 7 beispielsweise.

Doch das sind nicht die einzigen Argumente, die den Azubi-Mindestlohn in Frage stellen. Die Wirtschaft pocht immer wieder auf ihre Tarifautonomie. Schon beim Mindestlohn-Gesetz gab es hier langwierige Auseinandersetzungen. Darüber hinaus befinden sich viele kleine und mittlere Betriebe seit langem auf der Tarif-Flucht. Diese könnte man nur zu einem Azubi-Mindestlohn verpflichten, wenn ein Gesetz ähnlich dem Mindestlohn-Gesetz beschlossen würde.

Das aber wiederum muss dann auch alle Azubis einschließen, auch die außerhalb des Berufsbildungsgesetzes. Fast ein Fünftel aller Azubis besucht heute eine Berufsfachschule. Ihre Ausbildung für Berufe in der Pflege, im Gesundheitswesen und für weitere Angebote der einzelnen Bundesländer findet ausschließlich dort statt. Eine Ausbildungsvergütung gibt es hier bisher nicht. Nur die Gesundheits- und Krankenpfleger machen dabei eine Ausnahme.

Mit einem Azubi-Mindestlohn per Gesetz für alle könnte man aber unter Umständen zwei Probleme auf einmal regeln:

Alle Auszubildenden würden über einen finanziellen Spielraum verfügen, der einen Abbruch aus Geldmangel verhindert. Gleichzeitig stiege die Chance, dass sich mehr junge Menschen auch auf eine Pflegeberuf einlassen, wenn die Ausbildung bezahlt würde.

Allein die Quelle der Bezahlung stellt dann aber wieder ein Problem dar, an dem der Bund selbst wohl nicht ganz so glatt vorbei käme. Wer sollte die Finanzierung für den Azubi-Mindestlohn bei schulischer Ausbildung wohl sonst übernehmen? Und, würden sich die Betriebe mit dualer Ausbildung dann nicht benachteiligt vorkommen? Auch die Kollision mit der Zuständigkeit der Länder dürfte dabei ein schwerer Brocken sein.

Zur Beantwortung aller Fragen und zur Abwägung der begleitenden Risiken bleibt nicht mehr viel Zeit. Zumindest dann, wenn der Koalitionsvertrag eingehalten werden soll. Dazu bedarf es allerdings auch deutlich mehr als das Feilschen um Geld.

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Bildquelle: diwou – bit.ly/2KDxNfm