Der Maifeiertag (fast) ohne die Gewerkschaften

Der Maifeiertag (fast) ohne die Gewerkschaften

Der Maifeiertag unterbricht in diesem Jahr die Arbeitswoche. Für viele Familien ein willkommener Anlass, um kurz nach Ostern noch einmal Erholung und Entspannung zu suchen. So mancher Zeitgenosse hat die kurze Abfolge der Feiertage ohnehin kreativ überbrückt. Kaum noch jemand nimmt davon Notiz, dass dieser Feiertag am 1. Mai seit fast 130 Jahren von den Gewerkschaften als Tag der Arbeit proklamiert wird. Die traditionellen Kundgebungen sind längst zu Randnotizen des Feiertages mutiert. Deutlich größer ist an diesem Tag inzwischen regelmäßig das Interesse am Ergebnis erwarteter Krawalle in Berlin.

Doch daran tragen vor allem die Gewerkschaften selbst den größten Teil der Mitschuld. Statt den drängenden Problemen einer sich rasant verändernden Arbeitswelt kämpferisch Paroli zu bieten, verstehen sich Gewerkschaften immer mehr als Unterstützer der Politik. Beredtes Beispiel dafür ist das diesjährige Motto ihrer Kundgebungen: „Europa. Jetzt aber richtig!“

Die Gewerkschaften verlieren zunehmend ihre originären Aufgaben aus den Augen.

Nicht nur der endlos wirkende Streit zwischen Verdi und Amazon ist dafür ein deutlicher Beleg. Immer mehr Unternehmen entziehen sich der Bindung einheitlicher Tarifverträge. Nur jeder zweite Beschäftigte in Deutschland wird derzeit noch nach einheitlichem Tarif bezahlt. Vor 15 Jahren waren das immerhin noch stolze 70 Prozent. Der Einfluss der Gewerkschaften ist dabei massiv unter die Räder geraten. Vor allem die großen Gewerkschaften hatten in den vergangenen zehn Jahren einen massiven Mitgliederschwund zu beklagen. Dieser scheint zwar vorerst gestoppt, eine Umkehr ist es aber nicht mehr in Sicht. Erst recht nicht in Zeiten massiv schwindender Arbeitslosigkeit.

Derzeit sind in den Gewerkschaften noch knapp 6 Millionen der insgesamt 45 Millionen Beschäftigten organisiert, die als Beitrag zu ihrer Mitgliedschaft immerhin ein Prozent ihres monatlichen Bruttoverdienstes bzw. ihrer monatlichen Ausbildungsvergütung abgeben müssen. Anfang der 90er Jahre hatten die Gewerkschaften fast doppelt so viele Mitglieder. Die politische Wende bot dann völlig neue Möglichkeiten, die Mitgliederzahlen aufzustocken. Dabei warben die Gewerkschaften mit schneller Lohn-und Gehaltsangleichung, was natürlich völlig überzogen war und bis zum heutigen Tag nicht eingelöst ist. Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße, die Austrittszahlen nahmen immer größere Dimensionen an. Auch die Agenda 2010 hatte hiernach negative Auswirkungen. Gewerkschaftsvertreter scheinen seither ihren traditionell starken Einfluss in vielen Branchen verloren zu haben.

Der Vorteil, Mitglied in einer Gewerkschaft zu sein, wird inzwischen in allen Bundesländern als nicht mehr so groß eingeschätzt.

Die Bereitschaft, monatlich Beiträge zu bezahlen, ist vielfach nicht mehr vorhanden. Das teilweise negative Image, vor allem führender Gewerkschafter, hat in der Vergangenheit reichlich an Dynamik gewonnen. Abgehobene Auftritte, Interessenvermischung und nicht zuletzt auch der rigide Umgang mit den Beschäftigten des eigenen Hauses, haben einen teilweise irreparablen Schaden hinterlassen. Hinzu kommt, dass es der deutschen Wirtschaft zuletzt immer besser ging. Nur wenige fühlen heute noch notwendige Anreize, sich in die Obhut einer Gewerkschaft begeben zu müssen.

Die schwindende Bedeutung der Gewerkschaften ist aber auch auf den wirtschaftlichen Strukturwandel zurückzuführen. Ehemals starke Wirtschaftszweige haben viele Arbeitskräfte und damit Gewerkschaftsmitglieder eingebüßt. Der Dienstleistungssektor etabliert sich immer stärker als Arbeitgeber. Seine betrieblichen Strukturen sind für Gewerkschaften aber nur bedingt zugänglich. Dort ist kleinteiliger Aufwand nötig, den aber scheut man bisher überwiegend. Soweit sich deshalb Altenpflegerinnen und andere Dienstleister nicht direkt angesprochen fühlen, verlieren Gewerkschaften ihren Bezug zur eigentlichen Klientel.

Es ist nicht zuletzt auch der Flexibilität der modernen Arbeitswelt geschuldet, dass der Organisationsgedanke rasant abhanden kommt. Arbeitsplätze werden immer öfter und immer schneller gewechselt. Betriebsräte spielen als Interessenvertreter der Beschäftigten eine immer größere und vor allem prägendere Rolle. Dass diese mit einer Gewerkschaftsvertretung nichts zu tun haben, dass sie auch keine Tarifverträge aushandeln können, dafür interessieren sich immer weniger Arbeitnehmer. Was interessiert schon ein Tarifabschluss, der mangels Tarifbindung ohne Wirkung für die Mehrheit der Beschäftigten einer Branche bleibt.

Den Gewerkschaften muss wohl kurzfristig etwas einfallen, um ihre Daseinsberechtigung in einer sich rasant verändernden Arbeitswelt auch zukünftig behaupten zu können. Gelingt ihnen das nicht, wird in naher Zukunft der Maifeiertag nur noch ein Gedenktag sein, der an historische Ereignisse früherer Bewegungen erinnert.

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Bildquell: Foto-Rabe – https://pixabay.com/de/betriebsrat-recht-gewerkschaft-alt-970163/