Intensivpflege – Lebensretter unter Generalverdacht

Intensivpflege – Lebensretter unter Generalverdacht

Die Intensivpflege ist in Verruf geraten, zumindest insoweit, wie man der Argumentation des Gesundheitsministers Spahn folgen will.

Der nämlich plant, mit seinem Entwurf zum Intensivpflege-Stärkungsgesetz radikal in die häusliche Behandlung Schwerkranker einzugreifen. Er wittert dort Abzocke auf Kosten der Patienten. Vor allem auch, weil die Intensivpflege zu Hause erfolgt.

Und schon macht das Damoklesschwert der Zwangseinweisung die Runde. Statt der kostenintensiven Pflege zu Hause, soll künftig jeder Intensivpatient in einer Einrichtung behandelt werden. Damit will man die Krankenkassen deutlich entlasten. Immerhin kostet diese Intensivpflege durchschnittlich 20.000 Euro pro Monat.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Wer bei dieser Thematik seriös argumentieren will, der sollte sich mit den Fakten derzeitiger Handhabung vertraut machen.

Der Anspruch auf eine intensivmedizinische Pflege zu Hause ist seit langem auch durch die Rechtsprechung gefestigt worden. Eine Fachkraft dafür verursacht natürlich dem Aufwand entsprechende Kosten. Nach Angaben des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), summieren sich die Arbeitgeberaufwendungen mit allen Sozialbeiträgen auf rund 4.000 Euro pro Fachkraft im Monat. Bei einer 24-Stunden-Betreuung, die gleichzeitig Urlaubsansprüche und Krankheitsausfälle berücksichtigt, braucht es in der Kalkulation immer fünf Fachkräfte.

Wie überall, wo viel Geld im Spiel ist, so gibt es auch hier Missbrauchsfälle. Speziell im Beatmungsbereich werden durch manche Pflegedienste Dauerzustände herbeigeführt, wo es längst Alternativen gäbe. Doch das sind Ausnahmen. Auf derlei Basis kann nicht die Intensivpflege insgesamt in Frage gestellt werden. Im Übrigen enthält der Gesetzentwurf Regelungen zu mehr qualitativ-fachlicher Kontrolle. Allein das ist der richtige Weg auf diesem Gebiet.

Denn die fachliche Expertise sollte immer der Maßstab auskömmlicher Bezahlung sein. Gegenwärtig aber wird das Dumping vor allem in der Intensivpflege gefördert. Die Krankenkassen begünstigen oft die billigsten Kostenpläne. Natürlich schlägt sich das in erster Linie bei der Bezahlung der Pflegekräfte nieder. Eine fatale Entwicklung für alle Patienten.

Die seriösen Anbieter mit qualifiziertem und demnach entsprechend teurerem Personal müssen endlich zum Maßstab der Intensivpflege werden. Entsprechend sauber wird dann auch im Bereich der Entwöhnung agiert. Vor allem so lassen sich die Kosten in den Griff bekommen. Dazu gehört aber auch, dass es bundesweite Standards zur zwingend erforderlichen Qualifikation des Personals geben muss. Alles andere ist das Erkaufen von Kosteneffizienz zu Lasten schwerkranker Patienten.

Bei der Intensivpflege zu Hause gibt es keine Leistungsgrenzen.

Es wird immer fallbezogen entschieden. Da jeder Einzelfall einen anderen Aufwand der Behandlung erfordert, ist eine Klassifizierung der Kosten bisher nicht möglich. Doch selbst wenn eine 24-Stunden-Pflegebetreuung verordnet wird, müssen Angehörige keine Zuzahlung leisten. In der Regel übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Zahlungen. Diese müssen generell vor der Beauftragung eines Intensiv-Pflegedienstes beantragt werden.

Allerdings gerät dieser Anspruch auch regelmäßig in Konflikt mit dem Aufgabenbereich der Pflegekassen. Denn diese sind zuständig für alle Leistungen im Rahmen der Grundpflege. Bei den intensiv pflegebedürftigen Menschen werden häufig Tätigkeiten der Grundpflege mit Tätigkeiten der Behandlungspflege vermischt. Schon wird es schwierig mit der Kostenübernahme. Hier müssen vor allem Angehörige neutral aufgeklärt und beraten werden. Sonst geraten sie selbst in die Kostenfalle und müssen für Leistungen bezahlen, zu deren Erstattung eigentlich die Krankenkassen verpflichtet sind. Damit wäre das Wirrwarr zu dieser Thematik komplett.

Es bedarf also ernsthafter und vor allem sachlicher Bemühungen, endlich Qualität und Sicherheit für alle Beteiligten in die Intensivpflege zu bringen.

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Bildquelle: orlobs – bit.ly/2kGszah