Bewerberauswahl vernachlässigt Kernkompetenzen

Bewerberauswahl vernachlässigt Kernkompetenzen

In Deutschland sind Job-Chancen und auch Einkommen nach Expertenansicht viel zu sehr von formalen Nachweisen über erworbene Bildungs- und Berufsabschlüsse abhängig.

Dabei können gerade auch die im Alltag oder bei verschiedenen Tätigkeiten erworbenen Fähigkeiten von großem Interesse sein. Sie bieten oftmals Potenziale, die weitestgehend ungenutzt bleiben und aus Unkenntnis verkümmern. Schon bei der Bewerberauswahl werden hierbei Chancen vergeben. Denn es ist bereits seit langem bekannt, dass etwa 70 Prozent des Wissenserwerbs außerhalb von formalen Bildungsinstitutionen stattfindet und damit ohne formellen Abschluss bleibt. Non-formales und informelles Lernen begleitet jeden Menschen ein Leben lang und ist damit ein sehr bedeutsamer Bildungsfaktor. 

Bereits im Jahre 2016 wurde zur Anerkennung dieser Kompetenzen eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) durchgeführt. Danach wünschen sich drei von vier Berufsbildungsfachleuten eine stärkere Würdigung individueller Kenntnisse und Erfahrungen, die in der Regel außerhalb von Schule, Ausbildung oder Hochschule erworben worden sind. Rund 70 Prozent der gut 300 befragten Experten aus Betrieben und Kammern, Arbeitnehmerorganisationen, Forschung und Weiterbildung sprachen sich schon vor drei Jahren für ein deutschlandweit einheitliches Anerkennungssystem aus.

Durch eine „Kultur der Anerkennung“ informellen oder non-formalen Lernens, ließen sich die Berufschancen schon bei der Bewerberauswahl deutlich verbessern.

Dies würde insbesondere auf An- und Ungelernte zutreffen und wohl gerade auch auf Flüchtlinge, die oft keine formal anerkannten Kompetenzen mitbringen. Das geforderte einheitliche Anerkennungssystem für Kompetenzen kann und soll vor allem den Menschen helfen, die ihre Fähigkeiten bisher nicht auf dem Papier nachweisen können.

Doch nicht nur Arbeitnehmer, auch Betriebe und die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit könnten nach Auffassung der Experten von einer besseren Anerkennung profitieren. Zur Kompetenzerfassung und ihrer Bewertung seien Arbeitsproben und Tests zu empfehlen, Referenzen und Zeugnisse dagegen weniger.

Der Rat der Europäischen Union hatte deshalb die Mitgliedstaaten bereits im Dezember 2012 aufgefordert, bis spätestens 2018 jeweils nationale Regelungen für eine Anerkennung informellen und non-formalen Lernens zu entwickeln. In Sicht ist ein solches  Anerkennungssystem für individuelle Lernergebnisse trotz breiter Zustimmung unter Experten aber bis heute noch nicht. In Anbetracht der immer stärkeren Thematisierung des Mangels an geeigneten Fachkräften, ist dieses untätige Zuwarten geradezu sträflich.

Bisherige Ansätze, non-formales und informelles Lernen zu bewerten, haben diesen Tatbestand nicht grundlegend ändern können. Es fehlen immer noch allgemein gültige Verfahrensstandards und Gütekriterien. Außerdem gibt es eine Vielzahl von Zertifikaten, Bildungs- oder Kompetenzpässen, die durchgängig keinen einheitlichen Bewertungskriterien zugänglich sind. Dies macht es für Arbeitgeber schwierig, verlässliche und vergleichbare Aussagen bei der Bewerberauswahl über das Wesentliche zu treffen: Nämlich darüber, was ein Bewerber tatsächlich kann.

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Bildquelle: Fotomek – pixabay.com/de