Bewerbungsprozess braucht endlich frischen Wind

Bewerbungsprozess braucht endlich frischen Wind

Sobald Schlagwörter wie Digitalisierung oder Industrie 4.0 fallen, bekommen viele Personaler feuchte Augen. Zu schön sind doch die Versprechen der Zukunft, die so salopp mit dem Begriff der künstlichen Intelligenz umrissen wird. Die Begeisterung scheint teilweise so groß zu sein, dass ganz profane Prozesse der Gegenwart mit Missachtung bestraft werden. Die Kommunikation im Bewerbungsprozess ist dafür ein beredtes Beispiel. Denn Zukunft hin oder her, Personal wird schon heute gebraucht und das fast überall.

Dabei liegen Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander. Eine Annäherung müsste durchgängig das erklärte Ziel sein. Andernfalls stagniert der jeweils angestrebte Entwicklungsprozess. Am Beispiel des vielerorts prognostizierten Fachkräftemangels lässt sich eine solche Beobachtung sehr lehrreich nachvollziehen: Obwohl seit Jahren die Tendenz schwindender Ressourcen in vielen Fachbereichen bekannt ist, schlingert der Bewerbungsprozess vieler Unternehmen unverändert in alten Bahnen.

Dabei sind die Instrumente des Marketings und der Kundenpflege seit langem auf die Bedarfe am Markt ausgerichtet.

Sie werden auch sehr flexibel den Veränderungen des Kundenverlangens angepasst. Beim Bewerbungsprozess hingegen herrschen vielerorts völlig antiquierte Denkweisen vor. Dabei gelten doch auch hier vor allem die Grundregeln von Angebot und Nachfrage.

Potenzielle Azubis und Mitarbeiter erfordern Kundenstatus. Der Begriff des Personalmarketings muss damit deutlich an Kontur gewinnen. Freie Stellen zu veröffentlichen und auf Bewerber zu warten, das genügt heute nicht mehr. Die Rollen sind inzwischen schon deutlich vertauscht: Im Wettbewerb um Mitarbeiter müssen sich Unternehmen gezielt um Azubis und Fachkräfte bemühen. Active Sourcing heißt dieses Vorgehen unter Fachleuten.

Die Herausforderung für den Bewerbungsprozess der Zukunft besteht darin, die eigenen Arbeitgeberqualitäten als Marketinginstrument zu nutzen. Dazu muss der Arbeitgeber möglichst viel über die bevorzugten Zielgruppen wissen. Nicht nur, wo man sie kommunikativ findet, sondern auch, wie man sie mit welchen Informationen anspricht, wie sie Entscheidungen treffen, wie man sie motiviert und an sich bindet.

Eigentlich gar nicht so schwer, erst recht in Zeiten stetig fortschreitender Digitalisierung. Doch der Bewerbungsprozess der Gegenwart bringt deutliche Ernüchterung, vor allem auf Seiten der potenziell Suchenden. Unlängst hatte sich eine Umfrage mit dem Bewerbungsprozess von Azubis beschäftigt. Die Ergebnisse sind exemplarisch für das Dilemma insgesamt: 45,4 Prozent der Azubi-Bewerber erhielten danach keine Absage, wenn ihre Bewerbung nicht berücksichtigt wurde.

Unverbindlichkeit im Bewerbungsprozess gibt es natürlich auf beiden Seiten:

Jeder zehnte Azubi tritt seine Ausbildung nicht an, obwohl ein Vertrag unterschrieben wurde. Es hatte demnach wohl nicht gepasst, könnte man meinen. Anspruch und Wirklichkeit waren nicht annähernd deckungsgleich.

Die Auswirkungen wiegen auf Arbeitgeberseite dann aber deutlich schwerer: Ist das Erleben im Bewerbungsprozesses negativ, geben 11 Prozent der Befragten an, dass sie bis auf Weiteres davon absehen, Produkte des Unternehmens zu kaufen. Als Arbeitgeber käme die jeweilige Firma für 43 Prozent der Befragten auch für die nächsten Jahre nicht mehr in Betracht. Etwa die Hälfte der Befragten würden gar ihrem Bekannten- und Freundeskreis davon abraten, sich bei dem betreffenden Unternehmen zu bewerben. In Zeiten von Social Media und Bewertungsportalen ein fatales Finish.

Das individuelle Erleben im Bewerbungsprozess beeinflusst also nachweislich das Firmen-Image.

Die Darstellungen auf der eigen Webseite spielen demnach nur eine untergeordnete Rolle. Maßgeblich sind die qualitativ hochwertigen Umwerbungen des Einzelnen, von der Stellenausschreibung bis hin zum Einstellungstermin. Davon sind viele Unternehmen weit entfernt, trotz Fachkräftemangel. Dieser entsteht wohl oft gerade erst durch die Fehler im Prozess.

Eine völlig unangebrachte Arroganz auf Arbeitgeberseite, Bürokratie und ein Mangel an Flexibilität zeigen potenziellen Kandidaten bereits im Bewerbungsprozess das Maß an Wertschätzung, was sie als Mitarbeiter erwartet. Hier besteht akuter Handlungsbedarf. Was dabei versäumt wird, das kann kein intelligenter Algorithmus in Zukunft reparieren: Verlässlichkeit und Vertrauen bilden die zutiefst menschliche Basis einer Zusammenarbeit.  

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Bildquelle: geralt – bit.ly/2Tf0qDt