Fachkräftemangel – Mythos, Problem, Chance

Fachkräftemangel – Mythos, Problem, Chance

Die Arbeitsagentur hat aktuell 783.963 unbesetzte Stellen in Deutschland registriert.

Auch wenn jeder Arbeitgeber eigentlich verpflichtet ist, seine Vakanzen der Arbeitsagentur anzuzeigen, so dürfte die reale Zahl der offenen Stellen etwa bei 1,2 Millionen liegen. Dies zumindest weist das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) derzeit in seiner Statistik aus. In diesem Zusammenhang taucht schon reflexartig der Begriff Fachkräftemangel auf. Dabei halten einige Arbeitsmarktexperten diese Formulierung für einen Mythos. Das Ganze sei eine Erfindung unfähiger Personalchefs.

Doch bei dieser Thematik wird ohnehin seit langem nicht immer fair argumentiert. Bei so manchem Beitrag zweifelt man auch an der Sachkenntnis des Vortragenden. Spätestens dann, wenn die Vorschläge zur Behebung der vermeintlichen Probleme zur Sprache kommen. Doch wie ist das nun mit dem Fachkräftemangel?

Als Fachkräftemangel wird in der Arbeitsmarktforschung eine Situation am Markt bezeichnet, in der es nicht genügend Fachkräfte gibt.

Mit anderen Worten: Entsprechende Stellenangebote bleiben weitgehend ohne Resonanz bzw. die eingehenden Bewerbungen entsprechen nicht den Anforderungen. Ein derartige Situation bleibt natürlich unternehmerisch nicht unbeantwortet. Die Problemlösung wird einfach auf anderem Wege herbeigeführt. Vor allem bieten sich an: Rationalisierung, Auf- und Ausbau von Überstundenkonten oder Verlängerung der Lebensarbeitszeit älterer Mitarbeiter. Einen dauerhaften Fachkräftemangel wird es also nicht wirklich geben.

Eine andere Situation beschreiben die sogenannten Fachkräfteengpässe.

Danach kommt es zwar auch zur Diskrepanz zwischen dem Fachkräfteangebot und ihrer Nachfrage. Doch ließe sich die Situation durch entsprechendes Entgegenkommen beider Seiten entschärfen. Ein probates Mittel hierbei sind betrieblich geförderte Maßnahmen der Aus- und Weiterbildung. Das Ausmaß eines Engpasses wird dann sichtbar, wenn eine Seite, also Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, diesen qualitativen Annäherungen nicht mehr nachkommt.

Erhöhen sich also mit der Zeit die Anforderungen eines Unternehmens an das Können der Beschäftigten, bleiben aber gleichzeitig die Investitionen in die Nachwuchsförderung aus, so werden immer weniger diesen Anforderungen auch genügen. Ebenso verhält es sich beim Rückgang der Bereitschaft, bestimmte Berufe zu erlernen. Die Zahl der Berufe, in denen es zunehmend an Fachkräften mangelt, ist zwar regionalen Schwankungen unterworfen, doch nähern sich die Situationen in Deutschland allmählich an.

Waren lange Zeit vor allem männertypische Berufe betroffen, so gibt es inzwischen auch in frauentypischen Berufen deutliche Engpässe. Fast alle frauentypischen Berufe, in denen es besonders viele unbesetzte Stellen gibt, gehören zu den Berufsfeldern in der Gesundheit, im Sozialen und in der Bildung.

Zudem arbeitet fast jeder zweite Beschäftigte in Engpassberufen dieser Berufsfelder in Teilzeit. Eine Reduzierung der Arbeitszeitbeschränkungen hätte also deutlich positive Auswirkungen auf den Fachkräftemarkt. Anders verhält es sich mit den Engpassberufen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Die dort überwiegend männlichen Beschäftigten arbeiten fast ausschließlich in Vollzeit. Unternehmen könnten dort verstärkt weibliche Fach- und Nachwuchskräfte anwerben, um offene Stellen zu besetzen.

Natürlich bieten diese Entwicklungen auch Chancen bei der Berufswahl.

Die sich hartnäckig haltende Tradition zu typischen Jungen-Berufen und typischen Mädchen-Berufen bedarf modern ausgerichteter Orientierungskampagnen. Wer sich schon heute nicht an diese veralteten Strukturen klammert, der kann mit der Wahl des Ausbildungsberufes einen echten Volltreffer erzielen. Seine Arbeitsplatzchancen für die Zukunft wären weitestgehend gesichert. Dazu bedarf es aber einer echten Orientierung am Markt der Möglichkeiten.

So verschieden demnach die Begriffe sind, so unterschiedlich ist auch die Strategie zur Lösung der Probleme. Dies zu erkennen, wäre dann auch ein wirklicher Schritt in die richtige Richtung. Bloße Sonntagsreden, ohne Sachkenntnis, ohne Substanz und ohne den echten Willen zur Veränderung, werden die Thematik gesamtgesellschaftlich nur verschärfen. Die Situation in der Altenpflege ist dafür ein beredtes Beispiel.

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Bildquelle: geralt – pixabay.com/