Qual der Wahl – Studium oder Ausbildung?

Qual der Wahl – Studium oder Ausbildung?

Was soll ich werden?

Diese wichtige Frage für das eigene berufliche Fortkommen wird zunehmend von einer weiteren Grundsatzentscheidung überlagert: Studium oder Ausbildung? Gute Argumente gibt es für beide Wege. 

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist seit einigen Jahren stark rückläufig. Das hat einerseits mit den geburtenschwachen Jahrgängen zu tun, die die Zahl der Schulabgänger deutlich sinken lassen. Auf der anderen Seite will ein wachsender Teil der jungen Leute nach der Schule lieber studieren. Dabei beenden rund 25 Prozent der Studienanfänger ihr Studium ohne Abschluss, bei den Ingenieurfächern sind es sogar 50 Prozent.

Der Trend zur Akademisierung um jeden Preis ist eine fatale Fehlentwicklung, mit nachhaltigen Schäden für die deutsche Wirtschaft. Das duale System der deutschen Berufsausbildung gilt als weltweites Vorzeigeprojekt und war viele Jahre lang Garant dafür, dass Deutschland als geradezu mustergültiges Beispiel für erfolgreiche Zukunftswege galt.

Doch das System leidet zunehmend unter mangelnder Nachfrage.

Bis 2030 wird sich die Zahl der Auszubildenden noch weiter drastisch reduzieren, folgt man den Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung. Der Fachkräftemangel in den Betrieben wird sich verstärken und teilweise Leistungsgrenzen der Betriebe aufzeigen. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig: Viele Betriebe haben sich aus der Ausbildung zurückgezogen, Kosten und Niveau der Bewerber stehen dort seit langem in einem ungünstigen Verhältnis. In den Schulen gibt es nur wenig Berufsorientierung, so dass die Wahl eines den Interessen und Neigungen gerecht werdenden Berufes kaum möglich ist. Daneben hat sich im Zuge des Bologna-Prozesses die Möglichkeit für ein Studium vervielfacht. Tausende verschiedene Studienrichtungen und Kombinationsmöglichkeiten, kaum noch Zugangsbeschränkungen und eine gesellschaftlich tragende Meinung, die zum Studium drängt, lassen viele Schulabgänger recht desorientiert zurück.

Die Berufsausbildung ist trotz der relativ kurzen Bachelorstudiengänge oft der schnellere Weg in einen Job.

Nach zwei bis drei Jahren stehen Azubis im Berufsleben. Damit verdienen sie auch deutlich schneller Geld und stehen finanziell auf eigenen Beinen. Zwar gibt es keine Garantie, nach der Ausbildung übernommen zu werden, doch angesichts der Fachkräfteentwicklung am Arbeitsmarkt ist auch die Jobfindung mit abgeschlossener Ausbildung sehr einfach geworden. Der Vorteil gegenüber Studenten ist, dass man direkten Praxisbezug besitzt. Auch nach einer Lehre muss nicht Schluss mit der beruflichen Entwicklung sein. Es bieten sich zahlreiche Weiterentwicklungsmöglichkeiten sowohl im erlernten Beruf als auch auf gänzlich anderem Gebiet. Nach bestandener Prüfung in einem Ausbildungsberuf sind so auch Entwicklungswege möglich, die vorher als utopisch galten.

Bei der Entscheidung zwischen Lehre und Studium muss man sich aber nicht unter zwanghaften Druck setzen.

Weder Studium noch Ausbildung sind Sackgassen. Im Zweifelsfall geht auch beides: Wer nach der Ausbildung Lust auf mehr hat, kann immer noch ein Studium beginnen. Nur weil alle anderen sofort zum Studium gehen, muss man nicht mit der Herde mitziehen. Gegen den Trend zu denken und zu handeln, kann durchaus ein Vorteil für die persönliche Zukunft sein. Personalentscheider in vielen modernen Unternehmen lieben Lebensläufe mit Umbrüchen und praktischen Erfahrungen. Geradlinige Lebenswege, wie Schule-Studium-lebenslanger Job, sind heute kein Ideal mehr. Sie vermitteln den Eindruck einseitiger und unflexibler Grundeinstellung. Dagegen gelten Bewerber mit beruflicher Vor-Erfahrung als zielstrebiger und disziplinierter, auch während des Studiums. Niemand ist in der modernen Arbeitswelt vor einem Jobverlust gefeit. Diese Situation lässt sich bedeutend entspannter ertragen, wenn man auf einen klassischen Grundberuf zurückgreifen kann.

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Bildquelle: geralt- pixabay.com