Rolle rückwärts beim Thema Handwerksmeister

Rolle rückwärts beim Thema Handwerksmeister

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat die Internationale Handwerksmesse 2019 eröffnet. Dabei sagte er dem Handwerk schnelle Entschlüsse bei der neuerlichen Ausweitung der Meisterpflicht zu. Bis Mitte des Jahres 2019 soll ein verlässlicher Fahrplan zur Ausweitung der Meisterpflicht auch auf zulassungsfreie Gewerke vorgestellt und zeitnah umgesetzt werden. Doch bei diesem Thema ist Vorsicht geboten. Hier hat sich die Politik schon einmal die Finger verbrannt.

Begründet werden die Überlegungen damit, dass die Bedeutung der Handwerksmeister immer mehr schwindet. Rapide einbrechende Zahlen bei den entsprechenden Weiterbildungen sollen das belegen. Weiter wird argumentiert, dass auch der deutliche Rückgang der Azubi-Zahlen im Handwerk etwas mit den Liberalisierungsmaßnahmen des Jahres 2004 zu tun hat.

Doch die Argumentation zur Umkehr der damals getroffenen Entscheidungen ist nicht schlüssig. Mit Blick auf das einmal gelockerte Korsett der eingeschränkten Gewerbefreiheit, dürften ohnehin Zweifel an der Einführung neuerlicher Beschränkungen angebracht sein. Bei nüchterner Betrachtung der Geschichte und aller Begleitumstände, kann die derzeitige Diskussion auch nur wie ein hilfloses verbales Schattenboxen wirken.

Die Stellung der Handwerksmeister hat schon sehr lange eine besondere Bedeutung.

Gelten sie doch als ausgewiesene Könner ihres Fachs und damit als Bürgen höchster Qualität. Die Wurzeln dafür liegen in den Zünften des Mittelalters. Diese regelten damals das gesamte Wirtschaftsleben. Erst mit der Industrialisierung wurden diese Zwangsbünde sukzessive aufgelöst. Die Gewerbeordnung von 1869 passte die Regeln den Zeichen der Zeit an. Fortan konnte im Prinzip jeder als Handwerker arbeiten. Das Können des Einzelnen musste sich natürlich am Markt behaupten, um dort auch bestehen zu können.

Der industrielle Fortschritt hatte der alten Ordnung von Abschottung und eigenen Regeln komplett den Boden der Berechtigung entzogen. Eine Rückkehr zum Zunftwesen war insofern undenkbar. Doch die Macht der Kammern sorgte bereits im Jahre 1909 dafür, dass es wieder Einschränkungen geben konnte. Die Lehrlingsausbildung im Handwerk wurde ab sofort wieder an den Meisterbrief gekoppelt. Als Begründung hierfür diente, dass zum damaligen Zeitpunkt mehr Lehrlinge ausgebildet wurden, als später im Handwerk ausreichend Arbeit finden konnten.

Der sogenannte Meisterzwang sollte dieser Entwicklung Einhalt gebieten.

Die endgültige Umkehr der Geschichte erfolgte nach der Machtübernahme der Nazis. Im November 1933 wurden wieder restriktive Regeln für das Handwerk eingeführt, die im Wesentlichen bis heute Bestand haben. Ab sofort galten als Handwerk nur in die Handwerksrolle eingetragene Betriebe. Die Meisterpflicht wurde wieder eingeführt.

Diese restriktive Handwerksordnung überlebte auch den Untergang des Dritten Reiches. Lediglich bis 1953 konnte sich mit Hilfe der Alliierten eine Zeit der allgemeinen Gewerbefreiheit halten. Hiernach galten wieder die alten Regeln in kaum veränderter Form.

Erst im Jahre 2004 wurde der Meisterzwang in 53 von 94 Gewerken abgeschafft.

Als Begründung diente diesmal der Umstand, dass in Anbetracht der Arbeitslosigkeit der Zugang zur Selbständigkeit erleichtert werden sollte. Fortan entstanden viele kleine Betriebe, ohne Meister und oft auch ohne weitere Beschäftigte.

Doch inzwischen hatten sich die Regeln des Marktes ohnehin geändert. Veraltete Hürden und Schranken im System der Europäischen Union ohne Lockerungen zu verteidigen, war immer schwerer geworden. Handwerker aus dem EU-Ausland können ganz selbstverständlich ohne Meisterbrief auch in Deutschland arbeiten. Weitere Ausnahmetatbestände haben das starre System inzwischen weiter aufgeweicht.

Ohne zwingend nachgewiesene Kenntnisse allerdings ist ein Zutritt zur Handwerkerschaft aber bis heute nicht grenzenlos möglich. Vor dem Hintergrund möglicher Gefährdungen erscheint dies zumindest nachvollziehbar. Insofern argumentierten in der Vergangenheit auch höchstrichterliche Entscheidungen, dass bei gefahrgeneigten Gewerken besondere Befähigungsnachweise die Gewerbefreiheit durchaus einschränken können (so BVerwG, AZ: 8 C 8.10 und 8 C 9.10). Ob das allerdings den Meisterzwang auf ewig zementiert, das darf bezweifelt werden. Hierfür gibt es auch andere Möglichkeiten des Sachkundenachweises.

Der Handwerksmeister wird in der öffentlichen Wahrnehmung vielmehr heute schon auf das reduziert, was er ursprünglich mal war: Ein besonderes Qualitätsversprechen ohne Wenn und Aber. Das kann und muss genügen. Vor allem das gilt es permanent zu stärken und damit auch in die Köpfe nächster Generationen zu bringen. Viel zu selten ist das Handwerk präsent, wenn es Schüler zu umwerben gilt. Doch wer kennt schon die 130 Möglichkeiten, einen Beruf im Handwerk zu erlernen? Junge Talente zu entdecken und zu interessieren, das verlangt vor allem den frühestmöglichen Einsatz in Schulen und Freizeitzentren.

Permanente und greifbare Werbung für die Vielfalt der Berufe ist der einzig vernünftige Weg, die Ausbildungszahlen wieder wachsen zu lassen. Eine Renaissance der Abschottung ist, in Zeiten allgemeiner Freizügigkeit am Markt, der komplett falsche Weg.

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Bildquelle: danivas – bit.ly/2Ak8rSc