
Berufsorientierung als verbindliches Pflichtfach
Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist zwar ein Ärgernis für das wirtschaftlich einst so potente Land, doch als echtes gesellschaftliches Problem wird das immer noch nicht wirklich gesehen. Dabei steigen die Zahlen unaufhörlich. Fachkräftemangel und demografischer Wandel hingegen gelten als echte Drohkulisse für den Wohlstand der Zukunft. Dass die Themen komplex miteinander verwoben sind, das ist noch längst nicht in allen Köpfen angekommen. Doch die Kennzahlen der letzten Berufsbildungsberichte müssten eigentlich aller Orten die Alarmglocken läuten lassen.
Jährlich beginnen ca. 250.000 Jugendliche keine Ausbildung, statt dessen eine Maßnahme zur Verbesserung der Ausgangsbedingungen im sog. Übergangssystem. Von dort aus soll innerhalb von 12 Monaten der Übergang in reguläre Ausbildung gelingen. Statistisch gelingt das inzwischen auch etwa 60 Prozent der dort betreuten Jugendlichen, der verbleibende Teil der Klientel geht leer aus. Die Quote der Ungelernten in den Jahrgängen 20 bis 34 ist inzwischen bei 20 Prozent angekommen. Das entspricht etwa 3 Mio. Menschen. Laut Berufsbildungsbericht 2026, der das Jahr 2025 auswertet, ist diese Zahl zum bereits vierten Mal in Folge angestiegen.
Dieses System kostet den Steuerzahler jährlich viele Milliarden Euro, die Kosten für die Sozialleistungen noch nicht eingerechnet. Weder aus volkswirtschaftlicher noch aus betriebswirtschaftlicher Sicht kann es sich Deutschland leisten, auf das Potenzial dieser Jugendlichen zu verzichten. Vor allem aber muss jeder junge Mensch, unabhängig von Herkunft und persönlichen Voraussetzungen, die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben.
Berufsorientierung in der Schule – zu spät und zu oberflächlich
In Deutschland behauptet man, besonders gründlich zu sein. Dabei ist das nur noch die halbe Wahrheit. Sorgfalt wird vor allem in der Analyse aktueller Probleme an den Tag gelegt, weniger bei deren nachhaltiger Lösung. So hat man sich auch beim Thema Jugendarbeitslosigkeit inzwischen als praktikable Erklärung herausgearbeitet, dass die Gründe hierfür vor allem in der fehlenden Berufsausbildung zu suchen sind. Das ist insofern praktisch, als dass es die Schuld für das Problem bei den anderen sucht und vermeintlich auch findet – nämlich bei den Jugendlichen selbst. Sogar die Berufsberater der Bundesagentur für Arbeit sahen sich kürzlich erst medienwirksam berufen, die Lustlosigkeit und die unrealistische Erwartungshaltung vieler Jugendlicher zu kritisieren.
Dabei lenkt man nicht nur von eigenen Unzulänglichkeiten und Versäumnissen ab, es wird sich zunehmend mit einer Entwicklung zum Dauerzustand abgefunden. Das ist fatal und eine gefährliche Verschwendung von Potenzial. Doch der Mensch mit seiner Arbeitskraft ist nun einmal die einzig wesentliche Ressource, die Deutschland besitzt. Statt zuvörderst eigene Analysen als immer gleiche Erklärungsmuster ohne Nachhall zu bemühen, könnte man zur ernsthaften Beschreitung eines Lösungsweges dem Wollen der Jugendlichen folgen. Umfragen hierzu gab es zuletzt reichlich. Ganz oben auf der Liste der Begehrlichkeiten der befragten Jugendlich steht die frühzeitig beginnende Berufsorientierung im wöchentlichen Unterricht. Daneben wird sich eine steuernde Begleitung gewünscht, die auch noch bei Beginn einer Ausbildung unterstützend agiert.
Die Berufsorientierung in Deutschland ist an vielen Stellen oberflächlich und damit auch wenig wirksam. Die Vielfalt der Möglichkeiten ist weitgehend unbekannt. Eine aktive Steuerung findet kaum statt. Die langfristige Fokussierung auf Interessen und Neigungen Einzelner versagt komplett. Oft wird eine Null-Bock-Mentalität der einen Seite mit einer Null-Bock-Mentalität der anderen Seite beantwortet. Das hemmt jegliche Entwicklung. Junge Menschen folgen dann unweigerlich dem Mainstream.
Mangelhafte Berufsorientierung ist der Ausgangspunkt diverser Probleme
Statistisch berücksichtigt sind generell immer nur die Bewerber, die sich auch beratend an die Agenturen für Arbeit gewandt haben. Die Dunkelziffer des sonstigen Verbleibs kann mit Blick auf die Zahl der Schulabsolventen nur erahnt werden. Die Disproportionen sind weiterhin gravierend. In vielen Betrieben des traditionellen Handwerks ist die Nachwuchssuche inzwischen aussichtslos. Fleischer oder Bäcker will heute kaum noch ein junger Mensch werden. Ähnlich sieht es im damit verbundenen Einzelhandel aus. Auf dem Bau und in den baunahen Berufen nimmt die Bewerberzahl dramatisch ab, auch Berufskraftfahrer haben mit erheblichen Nachwuchssorgen zu kämpfen. Kehrt sich dieser Trend nicht kurzfristig um, kommt es am Arbeitsmarkt und auch in der mittelständischen Wirtschaft zu weitreichenden und vor allem auch nachhaltigen Verwerfungen.
Auch der lang erhoffte Positiv-Effekt, der von jungen Flüchtlingen am Ausbildungsmarkt ausgelöst werden sollte, lässt immer noch auf sich warten. Bei realistischer Betrachtungsweise müsste man ehrlich konstatieren: Auch hier läuft gehörig viel schief. Junge Ausländer verlassen die Schulen mehr als doppelt so häufig ohne Abschluss. Von jungen Ausländern starten, im Vergleich zu jungen Deutschen, auch weniger als halb so viele eine Ausbildung.
Die Jugend in diesem Land verdient als wichtige Ressource deutlich mehr Aufmerksamkeit
Die Vorzüge des hiesigen Ausbildungssystems und die sich daraus ergebenden beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, das sind die Geschichten, die man Schülern frühzeitig vermitteln muss. Viele kennen einfach nicht die Wege, die ihnen offen stehen und wie man sie beschreitet. Schule hat an diesem Punkt bisher nur wenig beigesteuert, Bildungspolitiker aller Orten noch viel weniger. Berufsorientierung und Berufsvorbereitung müssen endlich wieder zum wichtigen Bestandteil schulischer Bildungswege werden. Auch hier braucht es eine konzertierte Aktion aller Beteiligten. Die Lust, sich mit der eigenen Zukunft zu beschäftigen, kann nie zu früh und nie ausgiebig genug vermittelt werden.
Da die jungen Menschen den überwiegenden Teil ihrer Zeit in der Schule verbringen, muss auch hier der Grundstein beruflicher Orientierung gelegt werden. Schule soll auf das Leben vorbereiten und zur Aufnahme einer Berufsausbildung befähigen. So steht es in allen Schulgesetzen der Bundesländer geschrieben. Demnach ist es ein unbedingtes Erfordernis, den Schülern qualifizierte Einblicke in den Ausbildungsmarkt zu geben. Auch müssen sie dabei Bewerbungsabläufe und deren Formalien trainieren.
Da in vielen Bundesländern inzwischen auch Quer- und Seiteneinsteiger aus der Wirtschaft in den Schulbetrieb Einlass finden, könnte man diese besonders praxiserfahrene Klientel auch vordergründig für die Berufsorientierung der Schüler begeistern. Aufwand und Nutzen stünden hier mal wieder in einem gesunden Verhältnis.
Die Bundesagentur für Arbeit hingegen sorgt in Zukunft noch viel stärker für die Akquise der erforderlichen Ausbildungsplätze und vermittelt diese. Deutschland muss endlich auch bei der Thematik Jugend und Zukunft ins Handeln kommen.
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