Auch der Kater danach ist eine Krankheit

Auch der Kater danach ist eine Krankheit

Krank sein und krank machen – dazwischen liegen oftmals Welten. Doch gibt es Begebenheiten, wo selbst diese krassen Widersprüche sich aufzulösen scheinen. So geschehen im Herbst 2019 vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main. Das Gericht erklärte dort völlig nüchtern, dass ein Kater nach reichlich Alkoholgenuss eine Krankheit darstellt (OLG Frankfurt a. M., AZ: 6 U 114/18).

Das begründeten die Richter folgendermaßen: Im Interesse eines möglichst wirksamen Gesundheitsschutzes, ist der Begriff „Kater“ weit auszulegen.

Er wird charakterisiert durch Symptome wie Müdigkeit, Übelkeit und Kopfschmerz. Derartige Merkmale liegen außerhalb der natürlichen Schwankungsbreite des menschlichen Körpers. Sie treten also nicht als Folge des natürlichen Auf und Ab des Körpers, sondern infolge des Konsum von Alkohol ein. Nicht maßgeblich ist dabei, dass die Auffälligkeiten regelmäßig von selbst verschwinden und keiner ärztlichen Behandlung bedürfen. Dafür, dass der Kater danach als Krankheit einzustufen ist, spricht auch die Tatsache, dass es hierfür einen medizinischen Fachbegriff gibt. Der Kater danach wird in der Terminologie der Mediziner mit Veisalgia bezeichnet.

Unter Krankheit ist demnach jede, also auch eine geringfügige oder vorübergehende Störung der normalen Beschaffenheit oder der normalen Tätigkeit des Körpers zu verstehen, fasst das Gericht seine Ausführungen zusammen. Konkret bedeutet das: Auch eine nur unerhebliche oder vorübergehende Störung der normalen Beschaffenheit, die geheilt, beseitigt oder gemindert werden kann und die nicht nur eine normale Schwankung der Leistungsfähigkeit darstellt, rechnet zum Begriff der Krankheit. So sind auch Kopfschmerzen eine Krankheit, nicht aber natürliche physiologische Zustände.

Nun urteilte das Gericht hier nicht etwa zur Rettung eines leidgeprüften Arbeitnehmers, der Sachverhalt hatte mit dem Arbeitsrecht überhaupt nichts zu tun. Vielmehr ging es um die Klage gegen einen Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln. Dieser hatte mit Produkten geworben, die einem Kater danach vorbeugen können bzw. seine Folgen mindern sollen.

Nach Auffassung des Gerichts verstoßen diese Werbeversprechen gegen das Verbot, Lebensmitteln krankheitsbezogene Eigenschaften zuzuweisen.

Informationen über ein Lebensmittel dürfen diesem keine Eigenschaften der Vorbeugung, Behandlung oder Heilung einer menschlichen Krankheit zuschreiben oder den Eindruck dieser Eigenschaft entstehen lassen, betonten die Richter in dem Urteil. Eine Aussage ist dann krankheitsbezogen, wenn sie direkt oder indirekt den Eindruck vermittelt, dass das beworbene Lebensmittel zur Vorbeugung, Behandlung oder Heilung einer Krankheit beitrage. An dieser Stelle kam der Kater begrifflich als Krankheit ins Spiel.

Wer nun meint, diese Erkenntnis ließe sich problemlos auf etwaige Folgen einer durchzechten Nacht übertragen, um dem Arbeitsplatz fern zu bleiben, der könnte eine Enttäuschung erleben. Nicht etwa, weil der Arzt nicht einsichtig wäre. Dieser würde sicher bei entsprechenden Diagnose einen Krankenschein unterschreiben. Der Irrtum liegt vielmehr in der Sphäre der Entgeltfortzahlung.

Diese könnte der Arbeitgeber nämlich mit Verweis auf  § 3 Absatz 1 Satz 1 EFZG zu Recht verweigern. Dort ist unmissverständlich geregelt, dass der Arbeitgeber bis zu sechs Wochen lang das volle Gehalt weiterzahlen muss, soweit die zugrunde liegende Krankheit ohne eigenes Verschulden eingetreten ist. Schuldhaft im Sinne des Rechts der Fortzahlung handelt deshalb jeder Arbeitnehmer, der in erheblichem Maße gegen die von einem verständigen Menschen im eigenen Interesse zu erwartende Verhaltensweise verstößt (so erst kürzlich das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, AZ: 1 TA 29/19). Schlechte Karten also für den Kater danach.

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Bildquelle: SocialButterflyMMG – bit.ly/2Mvd4Ny