Welttag: Down-Syndrom und verpasste Chancen

Welttag: Down-Syndrom und verpasste Chancen

Heute ist der Welt-Down-Syndrom-Tag.

Für alle, die damit nichts anfangen können: Immer am 21.03. wird die Thematik des Down-Syndroms auf der ganzen Welt mit Veranstaltungen ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Das charakteristische Merkmal dieser Menschen ist das dreifache Vorhandensein des 21. Chromosoms. Mehr nicht!

Alle weiteren vermeintlichen Charakteristika, die mit dem Down-Syndrom in Verbindung gebracht werden, kommen mehr oder minder häufig vor. Trotzdem werden Menschen mit Down-Syndrom bis heute stigmatisiert. Das geht soweit, dass die Pränataldiagnostik es sogar ermöglicht, Kinder mit Down-Syndrom noch kurz vor der Geburt im Mutterleib zu töten.

Insofern unterscheidet sich diese Form der Aussonderung auch in keinster Weise von der Hospitalisierung oder gar Vernichtung sog. „unwerten Lebens“ in der Vergangenheit. Was im Übrigen schon immer im Falle des Down-Syndroms auch zuerst an Äußerlichkeiten fest gemacht wird.

Denn wer will lebenslange Unversehrtheit und zukünftigen Intellekt bei einem Embryo vorherbestimmen?

Inzwischen sehen sich werdende Eltern mittels veralteter Auffassungen zu diesem Thema in Angst und Schrecken versetzt. Die Aufklärung hierzu wirkt oft oberflächlich und unprofessionell. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass mehr als 90 Prozent aller Frauen beim Verdacht, ihre Frucht könnte das Down-Syndrom haben, eine Abtreibung veranlassen.

Doch damit hat die Aussonderung noch nicht ihr Ende gefunden. Schließlich schaffen es immer noch einige dieser Kinder auf die Welt. Soweit Familien und nahe Angehörige den neuen Erdenbürgern ohne Verurteile begegnen, sind die ersten Lebensjahre ein überwiegend freudiges Erlebnis für alle Beteiligten. Doch die Ruhe ist trügerisch.

Spätestens mit dem nahenden Schulalter beginnt dann der staatliche Generalangriff auf die Chancenvielfalt des künftigen Lebens bei fast allen Kindern mit Down-Syndrom.

Die Schulbildung und der dabei erreichte Schulabschluss sind entscheidend für die beruflichen Chancen in der Zukunft. Der freie Zugang zu allen Schulformen ist deshalb gesetzlich garantiert. Benachteiligungen darf es auf diesem Gebiet nicht geben. Doch grau ist alle Theorie, sobald sie auf die Wirklichkeit trifft. Vor allem dann, wenn Entscheidungen über die Schulform, die bei den berühmt-berüchtigten Eingangsuntersuchungen getroffen werden, ein Leben lang nachwirken.

Relevant wird die hier gegebene Empfehlung für die Schullaufbahn in erster Linie bei Kindern mit Behinderungen, also auch bei solchen mit Down-Syndrom. Gilt doch diese Chromosomenveränderung in Deutschland als Standardform geistiger Behinderung. Der sogenannte sonderpädagogische Förderbedarf, der also bei der Untersuchung mehr angeordnet als festgestellt wird, dient als verlässlicher Indikator für die letztlich besuchte Schulform. Vor allem aber bestimmt diese Einordnung in den Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“, dass Kinder mit Down-Syndrom überwiegend keinen anerkannten Schulabschluss bekommen. Das wird damit schon manifestiert.

Die Möglichkeiten beruflicher Entwicklung im weiteren Leben sind damit arg begrenzt.

Zwar steht es den Eltern frei, auch eine integrative oder gar inklusive Regelschule zu besuchen. Doch auch dieser Wunsch scheitert oft an der Wirklichkeit. Inklusive Schule ist inzwischen für viele Lehrer und auch Eltern zum Fantasiegebilde der Zukunft verkommen. Trotz internationaler Konvention und der Verpflichtung zur verbindlichen Rechtsumsetzung auch in Deutschland. Ohnehin ist auch bei Ergattern eines Regel-Schul-Platzes für die meisten Kinder mit Down-Syndrom nach der Grundschulphase Schluss.

Hiernach geht es überwiegend nur noch in den Förderzentren weiter. Für tausende Kinder vollzieht sich dieser Weg alljährlich und er wird zur Einbahnstraße. Die Chancengleichheit wird für diese Kinder damit auf nahezu Null reduziert. Dabei ist es kaum von Interesse, dass die intellektuelle Bandbreite auch beim Down-Syndrom erheblich ist. Doch die immer noch vorwiegend dogmatische Abwertung dieser Menschen verhindert klare und vor allem menschenrechtskonforme Überlegungen.

Dabei verstehen wir uns als einen modernen Staat.

Niemand darf benachteiligt werden, so steht es in Artikel 3 des Grundgesetzes geschrieben. Das verspricht Chancengleichheit von Geburt an, auch für Menschen mit Handicap. Mehr noch: Die UN-Konvention zur Wahrung der Rechte behinderter Menschen aus dem Jahre 2009 ist auch von Deutschland ratifiziert worden. Damit haben die dort formulierten Grundsätze auch bei uns den Rang rechtlich verbindlicher Normen erlangt.

Der Rückzug auf Kapazitätsengpässe und ähnliche Ausflüchte darf es so gar nicht mehr geben. Erst recht verbietet sich die zwangsweise Einsortierung in Förderschulen. Diese sind ein Gegenmodell zum Inklusionsgedanken, werden aber gern in öffentlicher Diskussion als sog. Schutzraum deklariert.

Was natürlich widersinnig sein muss: Schutz vor wem bei Inklusion?

Eine Bildung ohne Einteilungen in Kategorien von Beginn an, Erfolgsverpflichtungen auch für das Lehrpersonal und zeitgemäße Ausstattungen aller Bildungseinrichtungen, ließen uns als Gesellschaft die Denkbarrieren wohl endlich überwinden. Dann wären auch die Übergänge für Kinder mit Down-Syndrom in klassische Ausbildungen wesentlich häufiger und leichter, weil wachsende Selbstverständlichkeit auch Betriebe zur Akzeptanz anhalten würde.

Im Umkehrschluss gebe es in der Folge deutlich mehr positive Geschichten über Menschen mit Down-Syndrom. Damit würde auch die Pränataldiagnostik etwas argwöhnischer betrachtet und vielleicht auch restriktiver angewendet werden. Auch zu diesen Gedankengängen kann und sollte der heutige Down-Syndrom -Tag anregen.

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Bildquelle: Eigentum des Verlages Kaste&Sohn