Schule, Schichtarbeit und innere Uhr

Schule, Schichtarbeit und innere Uhr

Nicht immer siegt die Vernunft über starre Dogmen. Bei der Berücksichtigung der inneren Uhr des Menschen bahnt sich allerdings ein Umdenken an. Viel zu lange schon wurde hier wissentlich gegen Erkenntnisse der Wissenschaft gehandelt.

Der jährliche Wechsel zwischen Winter-und Sommerzeit sieht zum Jahr 2021 seinem endgültigen Ende entgegen und auch der spätere Anfang des täglichen Schulunterrichts wird inzwischen ernsthaft diskutiert. In Nordrhein-Westfalen gibt es erste Versuche mit dem späteren Schulbeginn. Niedersachsen zog nach und stellt es Schulen frei, damit zu experimentieren.

Die Schüler wird das überwiegend freuen. Verspricht doch ein späterer Unterrichtsbeginn eine völlig neue Lebensqualität. Der Irrsinn mit dem Schulklingeln vor 8 Uhr ist eine Erfindung von Bürokraten. Mit Sachverstand hätte dies schon lange auf den Prüfstand gehört.

Denn seit Jahrtausenden leben die Menschen nach dem Rhythmus, der ihnen von der Natur vorgegeben ist.

Dazu sitzt im Gehirn ein zentraler Taktgeber, der durch das Tageslicht immer wieder neu aktiviert wird. Neben dem Schlafrhythmus beeinflusst der Takt auch den Stoffwechsel, den Blutdruck, die Zellteilung und letztlich auch Leistungsfähigkeit und Stimmung.

Diese innere Uhr ist angeboren. Bei allen gleich hingegen funktioniert sie nicht. Da gibt es die geborenen Lerchen, die Frühaufsteher sind und es gibt die Eulen, die erst später in die Gänge kommen. Äußere Einflüsse bestimmen im Laufe des Lebens diese innere Uhr permanent. Dennoch pegelt sich der ursprüngliche Takt auch immer wieder ein. Vor allem in den Ferien ist das gut zu beobachten. Leben diese verschiedenen Typen nun aber durch starre Schulzeiten oder Schichtpläne ständig entgegen ihrem individuell vorgegebenem Rhythmus, so sind gesundheitliche Probleme auf Dauer vorprogrammiert. 

Die Chronobiologie erforscht dieses Phänomen und, wie Biorhythmus, Lebensweise und Umwelt im Wechselspiel die Gesundheit beeinflussen. Je mehr Erkenntnisse hier gewonnen werden, desto deutlicher kristallisiert sich ein Grundproblem unserer Zeit heraus: Der Alltagsrhythmus in Schulen, im Berufsleben und in der Freizeit folgt immer mehr den vorgegebenen Zeiten. Die individuellen Lebensrhythmen werden ständig angepasst, auch kurzfristig.

Vorübergehend kann ein gesunder Organismus diese Missachtung der eigenen Natur kompensieren.

Die innere Uhr passt sich den Gegebenheiten an. Auf Dauer führt diese Ignoranz des individuellen Taktgebers aber durchaus zu körperlichen und seelischen Störungen. Die Folge sind häufig massive Schlafstörungen, hohe Fehlerquoten, Leistungseinbrüche und auch Depressionen. Das Risiko für körperliche Erkrankungen steigt überproportional an.

Nun können Arbeitswelt und Schule nicht jedem einzelnen Typ vollauf gerecht werden. Es ist aber möglich, Zeiten gleichen Taktes zu lokalisieren und auch die Abweichungen. Mit Hilfe der Forschung lässt sich daraus ein probates System entwickeln, wie die innere Uhr des Einzelnen bestmöglich Berücksichtigung findet. Einige Schichtbetriebe haben dies schon aufgegriffen und beziehen Mitarbeiterwünsche zu den Arbeitszeiten ernsthaft in die Planung ein. Das Gleitzeitmodell in Büros kommt diesem Erfordernis auch entgegen.

Bleiben die Schulen: Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sind Zeiten des Unterrichtsbeginns ab 9 Uhr ideal für junge Menschen. Ihre Leistungskurve steigt ab diesem Zeitpunkt überproportional an. In den EU-Ländern Frankreich, Italien oder Spanien ist es durchaus üblich, den Unterricht erst um 9:00 Uhr beginnen zu lassen. Zeiten davor sind für die meisten Schülerinnen und Schüler eher kontraproduktiv und in erster Linie der Abarbeitung eines starren Schulprogramms geschuldet.

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Bildquelle: valentinsimon0 – bit.ly/2ktUx8V