Ganztagsbetreuung vs. Lehrermangel

Ganztagsbetreuung vs. Lehrermangel

Ganztagsbetreuung vs. Lehrermangel

„Wir werden einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter schaffen.“ So tönt es seit Jahren aus dem Bundesbildungsministerium, trotz unterschiedlichster Besetzung. Doch wenn es in Deutschland um Schule geht, dann wird es kompliziert. Die Länder verteidigen auf diesem Terrain ihre Hoheit und lassen sich vom Bund nur mit viel Geld zu ernsten Reformen bewegen. Zumindest beim Thema Ganztagsbetreuung scheint die Summe von 3,5 Milliarden Euro nun so verlockend, dass der Zeitplan für die Umsetzung feststeht und im sogenannten Ganztagsförderungsgesetz verankert worden ist. Ab August 2026 sollen zunächst alle Grundschulkinder der ersten Klassenstufe diesen Anspruch erhalten, in den Folgejahren wird dieser dann um je eine Klassenstufe ausgeweitet. Ab August 2029 soll dann jedes Grundschulkind der Klassenstufen eins bis vier einen Anspruch auf ganztägige Betreuung haben.

Aktuell ist die Betreuung von Grundschulkindern in § 24 Abs. 4 SGB VIII festgeschrieben. Dort ist geregelt, dass für Kinder im schulpflichtigen Alter ein bedarfsgerechtes Angebot in Tageseinrichtungen vorzuhalten ist. Ein Rechtsanspruch auf Betreuung von Grundschulkindern besteht bisher lediglich in vier Bundesländern: Brandenburg, Hamburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Doch allen 16 Ländern ist gemein, dass sie inzwischen mit einem ganz anderen Problem der Zukunft zu kämpfen haben: Der Lehrermangel wird immer akuter.

Täglich kommen neue Hiobsbotschaften aus den Bildungsverwaltungen der einzelnen Länder. 

In Sachsen-Anhalt musste zwischenzeitlich die erste Grundschule schließen, weil die wenigen verbliebenen Lehrer alle erkrankt waren. Die vakante Rektorenstelle ist seit langem schon verwaist und personelle Rettung nicht in Sicht. Nun sollen Siebtklässler eines Gymnasiums die so dringend benötigte Bildung vermitteln. In vielen anderen Schulen des Bundeslandes arbeitet man ebenfalls hart an der Kapazitätsgrenze. Mancherorts sind bereits Eltern zu Lehrpersonal mutiert. Doch dieser Mangel erstreckt sich inzwischen auf alle Bundesländer. Laut einer Prognose fehlen bis 2025 etwa 200.000 Lehrer im Bundesgebiet. 

Ursachen für diese Entwicklung gibt es sicher einige: Falsche Personalplanung, Sparprogramme und eine Fehleinschätzung der Geburtenentwicklung sind hier aber die gravierendsten.

Personalreserven und Quereinsteiger

Den vielfach sehr verkrusteten Strukturen im Bereich der Bildung ist ohnehin nicht leicht beizukommen. Das zeigt sich auch am Thema Quereinsteiger, die vor allem an Grundschulen keiner so recht will. Der Dünkel der Pädagogen schlägt hier gnadenlos durch und ignoriert fachliche und vor allem praktische Kompetenzen.

Zusätzlich werden in einigen Bundesländern inzwischen vermehrt Teilzeitvereinbarungen auf den Prüfstand gestellt, Beurlaubungen eingeschränkt und der Einsatz von Referendaren erleichtert. Allein diese Maßnahmen reichen nicht, den Lehrermangel der Zukunft zu beheben. Zu lange wurde die Personalproblematik hinten angestellt. 

Die größte Not macht erfinderisch: So prüfen einige Bundesländer bereits das Personal aufgeblähter Schulverwaltungen, um hier dringend benötigte Kapazitäten freizusetzen. Schließlich tummeln sich dort ausgebildete Lehrer zuhauf. Schon in früheren Jahren hatte man zaghaft versucht, diese Verschwendung von Kapazitäten zu begrenzen. Doch scheiterte dies regelmäßig an Interventionen der Bildungsverwaltungen selbst. Zu bequem sind die gewonnenen oder in Aussicht stehenden Modalitäten der Beschäftigung.

Soll der angestrebte Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule nicht zum niveaulosen Verwahrverhältnis mutieren, braucht es eine gesicherte personelle Sicherstellung. Zum Gelingen müssen Vorbehalte aufgegeben und Strukturen neu überdacht werden. Die Bildung braucht ohnehin frischen Wind aus der Praxis.

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Bild von Rosy – The world is worth thousands of pictures auf Pixabay